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Roverdrive 2 / 2004
Erst-Auto: Kleinschnittger
Presse
Div. Artikel

Roverdrive
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Mein erstes Auto - Kleinschnittger - oder: es muß nicht immer ein ROVER sein
 
Ich bin Baujahr 1941, habe also als Jugendlicher noch mit Bewußtsein auf den Straßen, die damals noch mit zahllosen Schlaglöchern übersät waren, Automobile aus der Vorkriegszeit erlebt. Ich kann mich sogar noch an Holzvergaser-PKWs und -LKWs sowie an Straßenwalzen, die mit Dampf (Kohlefeuerung) betrieben wurden, erinnern.
 
Es muß 1949/50 gewesen sein. Am Ende unserer Flucht aus Schlesien waren wir schließlich in einem kleinen niedersächsischen Dorf nahe der Universitätsstadt Göttingen seßhaft geworden. Später zogen wir dann besonders aus schulischen Gründen in die Unistadt um. Meine Schule war in den ehemaligen Luftwaffenkasernen am stillgelegten Militärflugplatz untergebracht. In einer alten Wellblechhalle am Rollfeld existierte der örtliche Segelflugverein. Da mich schon damals die Fliegerei interessierte, war ich Helfer bei dem Team, welches sich mit dem Anschleppen der Segelflugzeuge befaßte. Einen Führerschein brauchte man auf dem Gelände nicht, deshalb hatte ich bald die Gelegenheit, mich an das Steuer des alten "Adler Trumpf Junior" zu setzen und das Fahren zu erlernen.
 
Der Wagen diente zum Anschleppen der Flugzeuge, falls einmal die Seilwinde aussetzte, was sehr oft geschah. Der zerbeulte graue "Adler" hatte nur ein Problem, der Schalthebel war abgebrochen und man schaltete praktisch mit Zange und Hammer -aber irgendwie funktionierte es. Außerdem gab es statt eines Tankdeckels einen mit einem Lappen umwickelten Holzpropfen als Verschluß.
 
Anfang der 60er Jahre absolvierte ich dann zur Zeit der Cuba-Krise meinen Militärdienst bei der Luftwaffe in Fürstenfeldbruck bei München, wo ich dann endlich nach häufiger "Schwarzfahrerei" meinen offiziellen Führerschein machte.
 
Meine damalige Geldbörse war noch recht mager, denn der Wehrsold belief sich auf 60-80 DM im MONAT!!! Es gelang mir jedoch für ein paar Hunderter ein Automobil oder besser ein "Motorrad mit REGENSCHIRM" von einem anderen Soldaten zu erwerben.
 
Es war eines der zahllosen Miniwagenmodelle, die damals die Straßen unseres Landes bevölkerten. Zum Teil waren es geniale Konstruktionen, wie mein "Kleinschnittger" aus Arnsberg in Westfalen, Baujahr 1952. Er wurde dort von einem Herrn Kleinschnittger, einem - glaube ich - ehemaligen Luftwaffen- oder Flugzeugingenieur aus vermutlich "organisierten" Aluminium-Restbeständen eines ehemaligen Flugzeugmontagewerkes zusammengebaut.
 

Chris Nebes Kleinschnittger - optisch getunt

 
Für diejenigen unter Euch, die noch nie etwas von dieser ominösen Marke gehört haben eine kleine Beschreibung: Der vierrädrige offene und türenlose "Minisportwagen" aus Aluminium besaß ein mit flexiblen Plastikluken versehenes Druckknopffaltverdeck. Das Reserverad war ursprünglich hinten angebracht, wanderte dann aber auf die rechte Seite, um für eine Gepäckkiste Platz zu machen. Der ILO-Zweitaktmotor von 125 ccm brachte das Gefährt auf stolze 80 km/h auf ebener Strecke mit Rückenwind! Ein elektrischer Anlasser existierte nicht, mit Hilfe eines Holzgriffes an einem Stahlseil neben dem Fahrer wurde der Kleinschnittger wie ein Rasenmäher oder eine Kettensäge "angeschmissen". Dabei mußte man sehr auf den Zündzeitpunkt aufpassen, sonst gab es buchstäblich etwas auf die Finger.
 
Da Rückwärtsgänge nicht vorgesehen waren, mußte bei Bedarf ausgestiegen und geschoben werden. Kein Problem, der "Supermini", bei dem man zum Ein- bzw. Aussteigen einen Schuhlöffel und einen Stiefelknecht benötigte, wie es spöttisch hieß, wog dank der genial simplen Konstruktion nur 160 kg. Der Sprit und Ölverbrauch war entsprechend minimal, vermutlich 1 1/2 Liter Benzin auf Hundert km; ich erinnere mich nicht mehr genau. Das Einparken war übrigens ganz einfach. Man fuhr schräg rein, stieg aus, hob das hinten leichte Fahrzeug hoch und stellte es dann in die Lücke. Notfalls parkte man den Wagen auch quer, eine entsprechende Lücke fand man immer ... Parkprobleme kannte ich nicht.
 
Die Seilbremsen mußten ständig kontrolliert werden, da die Seile oft in den Führungen einrosteten. Da es die fertigen Beläge in den 60er Jahren kaum noch gab, mußte man die Belegstreifen selber anpassen und aufnieten. Da ich die Streiche, die mir irgendwelche "Halbstarken" wiederholt spielten, satt hatte, kettete ich den Kleinschnittger schließlich mit einer robusten Stahlkette und Vorhängeschloß an Bäumen an.
 
Ich hatte ein sehr nettes Verhältnis zur Polizei in Bad Homburg, wo ich damals wohnte. Die kannten bald meine Adresse. Oft weckten sie mich frühmorgens oder nachts, um mir mitzuteilen, daß mein Kleinschnittger im Kurpark am Denkmal des Kaiser Friedrich in der Tulpenrabatte, im Springbrunnen oder im Siamesischen Tempel stände. Von den Übeltätern wurde nie einer "in flagranti" erwischt, deshalb waren die Polizeibeamten immer sehr hilfsbereit, weil ich ihnen sichtlich leid tat. Irgendwann am Anfang eines Januars hatte mir irgend ein Zeitgenosse einen alten Weihnachtsbaum in den Wagen gesteckt.
 
Der Antrieb!
 
Eine Heizung hatte der Kleinschnittger natürlich nicht. Da ich auch im Winter längere Strecken fuhr, behalf ich mich mit einem Katalyt-Leichtbenzinöfchen, vielleicht kennt irgendjemand noch diese Dinger. Das Benzin verglühte in einem oben positionierten und mit feinem Maschendraht überzogenen Asbestpolster. Es stank penetrant, aber die Frontscheibe blieb eisfrei. Die kleine Kühlerklappe war übrigens mit einem Vorhängeschloss ab Werk(!) gesichert, wahrscheinlich um zu vermeiden, daß jemand Benzin oder sogar den Motor klaute.. Die Stoßstange taugte nichts, da sie aus Aluminium war. Ich montierte mir bald eine robustere vom damaligen Fiat 500 "Topolino". Ich erinnere mich noch an einen Engländer mit seinem gewaltigen schwarzen Rolls Royce, hinter dem ich zufällig vor einem Bad Homburger Luxushotel einparkte. Er sprach mich an und spaßte: "How about exchanging cars, everybody seems to be interested in your funny little thing!?". 1964 waren die Kleinschnittger schon eine Rarität.
 
Ich verkaufte ihn schließlich, weil ein Sammler mir ein sehr gutes Angebot machte. Für den Erlös plus ein paar Hunderter erwarb ich von demselben Sammler einen BMW-Dixi 1928er-Modell Zweisitzer mit Anlaßkurbel. Bis ich dann Mitte der 70er Jahre schließlich in der Schweiz meinen ersten P6 erwarb, besaß ich noch mehrere andere Fahrzeuge, u.a. einen der ersten Morgan +8..."but that is another story."
 
Ich möchte nur noch eines zu diesem Thema sagen. Vielleicht ist es Psychologie, aber nie hat mir ein Fahrzeug so viel Spaß gemacht, wie mein winziger "Supermini". Vielleicht existiert er noch irgendwo. Die Fahrzeuge werden mittlerweile wegen ihres Seltenheitswertes übrigens zu astronomischen Preisen gehandelt, sagte mir vor kurzem ein Sammler. In den einschlägigen Inseratteilen werden sie jedoch nie angeboten.
 
Kleinschnittger F 125
Typ F 125
Bauart: Zweisitzer, Cabrio
Bauzeit: 1950 - 1957
Anzahl: ca 2.500 (nach anderen Quellen 2.980)
Motor: ILO 125 ccm, Einzylinder, Zweitaktmotor
Leistung: 6 PS
Höchstgeschwindigkeit: 70 km/h
Karosserie: Aluminium, genietet
Preis 1954: DM 2.400


Text und Fotos: Christian Nebe
 
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